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Gib‘ doch mal einfach die Wee-Kaa-Enn

1. November 2016

Beim Smalltalk mit Freunden oder Kollegen zum Thema Geldanlage sind manche Gesprächspartner herrlich unverblümt. Ohne jedes Abtasten landen sie nach einigen Ausführungen meinerseits dann bei dem Punkt, der sie wirklich interessiert: „Gib‘ mir doch einfach mal ’ne Wee-Kaa-Enn (WKN, Wertpapierkennummer) von dem, was ich kaufen soll.“ Was ich dann antworte. 

Wenn es um das Thema Anlageberatung geht, tun mir die Bankberater gelegentlich leid. Sie sind womöglich Mitarbeiter von Instituten, die medial schon seit einer Weile kräftig auf die Zwiebel bekommen, obwohl sie selbst gar nichts verbrochen haben.

Man bringt ihnen häufig ein gewisses Maß an Misstrauen entgegen, das durch die vielen fürchterlichen Verbrauchersendungen und Talkshows im öffentlich-rechtlichen Rundfunk monatlich noch gesteigert wird. Sie haben häufig Vertriebsdruck, denn da Banken mit der Zinsmarge kaum noch etwas verdienen, steigt die Bedeutung des Provisionsgeschäfts für den Gesamtertrag.

Und weder Banken noch Berater können die Gesetze der Betriebswirtschaft umschreiben, nach denen die Miete, der PC, die Möbel, das Gehalt, die IT-Systeme, die Dokumentation, die Rechtsabteilung und der Strom für das Licht, das man morgens anknipst, auch verdient werden muss. Merkwürdigerweise fällt das bei der omnipräsenten Forderung nach „guter Beratung“ meist unter den Tisch. Die ist kein stets kostengünstiges Grundrecht.

Natürlich ist es eine Mischkalkulation, aber manch‘ einer braucht auch vier Beratungstermine, um sich zu entscheiden, seine 10.000 Euro Einmalanlage oder 50 Euro monatlich doch nicht investieren und lieber mal abwarten zu wollen. Nicht, dass das nicht viel Geld wäre. Aber auf Dauer ist mit einer Vielzahl solcher Kunden kein Staat zu machen, wenn davon an der „Front“ eine Menge bezahlt werden muss. Die Folge sind dann Schließungen von Filialen, Beraterrotationen, sinkende Motivation.

Es gibt freilich auch den anderen Fall. Menschen, die nicht lange brauchen, um größere Anlageentscheidungen zu treffen. Es gibt sie als Bankkunde, aber erstaunlich oft auch in meinem Bekanntenkreis. Ich werde dann, obschon Journalist und kein Anlageberater, unverblümt im Smalltalk angesprochen, ich solle doch mal einfach die Wertpapierkennummer einer „Musterlösung“ zur Geldanlage zu nennen, in die man dann ein paar tausend Euro zu investieren gedenke. Natürlich auf lange Sicht und ohne Gewähr.

Natürlich gibt’s die nicht.

Aber.

Ich erspare Ihnen jetzt das völlig vernünftige und natürlich angemessene Geschwätz, dass ich das brüsk ablehne, dass ich die Leute zu einem Berater schicke, dass da ganz viele Sachen eine Rolle spielen; Sparziele, Schulden, Risikotragfähigkeit. Wenn ich damit anfange, fallen mir einige Gesprächspartner mit rascher Auffassungsgabe ins Wort mit einem „Jajajaja, schon klar, weiß ich alles, mal her mit der WKN…..“, sie drücken quasi die Fast-Forward-Taste und wollen den Disclaimer-Part vorspulen.

Die Wahrheit ist: es gibt Leute, denen nenne ich dann – vermutlich unvernünftigerweise – tatsächlich eine WKN, und ich habe in der Vergangenheit gelegentlich geflunkert, wenn ich behauptet habe, ich mache so etwas nicht. Ich mache es nämlich dann nicht, wenn ich das Gefühl habe, von jemandem gefragt zu werden, der unsicher ist, der seine eigene Risikotragfähigkeit und Anlagehorizont nicht kennt, der mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Kopflosigkeit neigt oder am Telefon hängt, wenn es mal kracht. Der nicht klipp und klar sagt: es tut mir nicht weh, wenn das Geld schrumpft. Also bei den meisten.

Ich mache es, wenn mir Leute signalisieren, dass sie vorhaben, mit einem kleinen (max. 20-30%) Teil ihres liquiden Vermögens mal „was mit Aktien“ machen zu wollen, die gleich erwähnen, dass es nicht schlimm sei, wenn sich das Geld in Luft auflöse und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch fünf Jahre und mehr Zeit haben. Oder idealerweise einen Sparplan beginnen wollen.

Denen sage ich dann: „Such‘ Dir doch einfach einen Berater, der zu Dir passt, der ist sein Geld alleine schon dafür Wert, dass er Dir das Händchen hält, wenn es rappelt oder Dich zum Nachkaufen bewegen kann.  Vor allem kann er mit Dir auch paar geförderte Sparformen durchgehen. Oder such‘ Dir einen Fondsverwalter, dessen Philosophie Dir gefällt.“

Hilft auch das nichts, dann rücke ich tatsächlich die WKN eines globalen Indexfonds auf dividendenstarke Werte heraus. Einigermaßen günstig, global gestreut, nicht kapitalgewichtet, mit Schwellenländern – das checkt zumindest bei mir eine Menge Boxen. Sie können die auch selbst googeln, wenn das nicht klappt, ist die Anlage vermutlich auch nichts für Sie.

Ich muss mich dafür auch nicht schämen, denn nichts anderes habe ich auch schon oft publizistisch den zahlenden Lesern nahegelegt. Natürlich kann das in die Hose gehen, aber über die Jahre sollte das für ein Kaufen&Liegen lassen nicht das allerdümmste sein und hoffentlich rentabler als ein buntes Sammelsurium an Einzelwerten. Idealerweise kombiniert man die Einmalanlage eines Betrags, den man jahrelang nicht brauchen wird mit dem Beginn eines Sparplans.

Wo sind die Fallstricke dabei – und warum warne ich nachdrücklich davor, dass es eben nicht so leicht ist?

Auch das bekommt jeder zu hören, der nicht danach fragt: meiner Einschätzung nach ist das größte Risiko, dass Menschen die Nerven verlieren, wenn genau das Eintritt, was sie angeblich locker durchstehen: dass es zu größeren Verlusten kommt oder die Entwicklung „gefühlt“ (Dividendenausschüttungen, Abzug von Steuern) schlechter läuft als der Gesamtmarkt wie etwa den Dax.

Es ist durchaus möglich und wäre historisch auch keineswegs außergewöhnlich, würden die globalen Aktienmärkte jetzt einmal korrigieren und dann fünf bis zehn Jahre bestenfalls stagnieren; wir haben in den Turbojahrzehnten seit Anfang der 80er einfach alles mitgenommen: sinkende Zinsen, sinkende Inflation (ein Trend, der gerade drehen könnte), die Früchte der Globalisierung geernet (ein Trend, der drehen könnte), immer mehr „Leverage“ in den Unternehmen, immer höhere Margen (ein Trend, der gerade messbar dreht) und verlässliches Gewinnwachstum (ein Trend, der gerade dreht).

Dieses Phänomen der falschen Selbsteinschätzung schildern mir auch erfahrene Vermögensverwalter oft und kennt jeder aktive Anleger: Kunden geben an, dass sie Geld nicht bräuchten und einen Verlust von 20 oder 30 Prozent locker aussitzen wollen. Oder gar nachkaufen, man hat doch gelernt, dass sich das lohnt, antizyklisch kaufen.

Natürlich ist es dann ein ganz anderes Spiel, wenn es soweit ist – und die Anlage 25 Prozent unter Wasser steht. Dann denken die wenigsten ans Nachkaufen, die meisten regen sich fürchterlich über ihr Timing auf, haben Angst vor den nächsten 25 Prozentpunkten Verlust auf den Einstand und lesen zähneklappernd Spiegel Online oder gucken Tagesschau, was sich in Sachen Politik und Wirtschaft zusammenbraut. Dass die Risikotragfähigkeit in der Selbsteinschätzung ex ante und in der Realität dramatisch auseinanderklaffen, ist auch verhaltensökonomisch gut belegt – und sehr wichtig für all diejenigen, die sich „Selbstentscheider“ nennen und nach gut sieben Jahren Bullenmarkt das Gefühl für Korrekturen verloren haben, die sich gewaschen haben.

Schlagen wir den Bogen zu Beratern und Vermögensverwaltern, deren Dienste in der Summe gerne mal 1,5 bis 2 Prozent pro Jahr kosten. Das wird in den Medien (auch von mir) häufig als zu viel kritisiert. Mit Mischfonds, wie sie am Bankschalter derzeit wie verrückt verkauft werden, erreicht die Gebührenlast rasch 2,5 Prozent pro Jahr. Es wird sehr schwierig sein in Zeiten risikoloser Zinsen nahe Null, dagegen anzupaddeln.

Es muss aber nicht zwingend so sein, dass deshalb der Halter des günstigen Indexfonds Marke Eigenbau (sagen wir: hat 70% in Tagesgeld und 30% in Indexfonds), der auf die Zeitschriften oder Blogs gehört hat mit den ganzen ETF-Fans, langfristig besser abschneidet. Denn wenn es rappelt, schafft es der über die Gebühren mitvergütete Berater womöglich (!) den Anleger zu disziplinieren, die Anlage nicht zu liquidieren. Dabei hilft, dass die meisten Mischfonds natürlich die Schwankungen der Aktienmärkte im Anteilspreis abfedern – der Aktienteil bricht vielleicht 30 Prozent ein, aber der Rücknahmepreis des Mischfonds natürlich deutlich weniger, weil er auch andere Wertpapiere wie Anleihen o.ä. hält.

Der typische Indexfonds- und Einzelwerte-Käufer geht da anders vor. Mir ist noch kein Anleger untergekommen, der sagt: okay, meine Aktien, Aktienfonds oder Aktien-Indexfonds stehen zwar 30 Prozent unter Wasser, aber ich habe da ja nur einen geringen Teil meines liquiden Vermögens angelegt. Zieht man das zusammen, ist das Minus ja nur 5-10 Prozent. Nein. Es findet stets eine klare „Kontentrennung“ statt, und wenn da im Depot 30 Prozent Minus stehen, dann sind das auch 30 Prozent Miese, und der andere Teil wird nicht berücksichtigt. Was den Effekt der womöglich geringen Risikotragfähigkeit deutlich erschwert.

Ich will damit kein Plädoyer für teure Mischfonds halten – alleine, mir scheint dieser Effekt, dass man Berater auch für’s Händchenhalten zahlt, gelegentlich in Vergessenheit zu geraten in der Indexfonds- und Low-Cost-Euphorie. Wenn es denn ein guter Berater ist – und er nicht ein dickes Minus dazu nutzt, den Kunden in das nächste Produkt zu „drehen“.

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2 Kommentare
  1. Das ist der Punkt: der gute Berater als Coach des Kunden. Danke!

  2. Schön geschrieben und trifft einen korrekten Punkt. In der ETF-Finanzielle-Freiheit-Blogosphären-Blase wird oft übersehen, dass finanzielle Vorsorge überhaupt erstmal stattfinden muss.
    Auch teure Beratung und schlechte Renditen sind besser, als wenn die Leute weiterhin einfach gar nix, zu wenig, zu unregelmäßig sparen.

    Ein Problem übersieht der Artikel aber ganz geflissentlich: Es gibt leider einen direkten Zielkonflikt zwischen Kunde und Berater: Je mehr Gebühren der Berater einstreicht, desto besser für ihn und desto schlechter für den Kunden. Je weniger also die Beratung das Kundeninteresse bedient, desto lukrativer ist es.
    Und es ist nicht absehbar, dass je eine Situation auf Augenhöhe entsteht in der der Kunde bewusst entscheiden kann und wird, welche Gebührenhöhe er als fairen Preis für die Beratung empfindet und der Berater daher ein Interesse haben müsste, einen für beide tragbaren Mittelweg zu finden.

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