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Vier Jahre 1,5 Prozent!

21. November 2016

Bei der Frankfurter Sparkasse ist die Zinswende da: „Vier Jahre 1,5 Prozent“ verheißen die großflächigen Plakate, die ich in den vergangenen Tagen in den Fenstern des Instituts in der Fußgängerzone Frankfurts gesehen habe. Was steckt dahinter? img_5674

 

 

 

 

Die erste Erkenntnis: anhand des „Kleingedruckten“ des Plakats, das man nur aus nächster Nähe lesen kann, lässt sich die Funktionsweise dieses Produkts nur näherungsweise nachvollziehen. Man muss schon entweder einen Beratungstermin vereinbaren oder aber als Experte die entsprechenden Produktbedingungen auf der Seite der Emittentin – der Helaba – suchen, finden, lesen, verstehen.

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Das Produkt befindet sich hier auf dieser Seite http://www.helaba-zertifikate.de/SubscriptionOverview und trägt die ISIN DE000HLB6HL4

Die zweite Erkenntnis: Obwohl das Produkt den Namen „Kuponanleihe“ trägt, handelt es sich um ein Zertifikat. Das ist nicht nur sachlich von Bedeutung – etwa für den Fall, dass es zu Zahlungsschwierigkeiten bei der Emittentin kommt. Es ist auch psychologisch wichtig, da das Wort „Anleihe“ einen guten Klang hat, Zertifikat hingegen einen negativen. Das Wort „Anleihe“ suggeriert“, dass die Rückzahlung des Produkts nicht gefährdet ist, solange der Anbieter solvent ist – genau das ist aber nicht der Fall (dazu später mehr). Mir ist seit knapp 20 Jahren rätselhaft, wieso Banken Produkte mit dem Zusatz „Anleihe“ verkaufen, die keine sind, sondern Aktienrisiken tragen – Aktienanleihen oder hier eben „Kuponanleihen“ (ursprünglich war „Kuponanleihe“ der Oberbegriff für Anleihen, die überhaupt Zinskupons tragen – es ist das sachliche Gegenstück zur „Nullkuponanleihe“, für die keine laufenden Zinsen gezahlt werden).

Blicken wir nun einmal genau auf das Produkt und seine Bedingungen. Konkret werden dem Käufer des Produkts vier Zinszahlungen zu je 1,5 Prozent in Aussicht gestellt während einer vierjährigen Laufzeit ab Anfang Dezember: je im Dezember 2017, 2018, 2019, 2020, die Rückzahlung erfolgt im Dezember 2020.

Der kleine Haken: Die tatsächlichen Erwerbskosten für den Zeichner der Anleihe werden je nach individuellem Preismodell zwischen 0,25 Prozent der Anlagesumme (das ist der Ausgabeaufschlag laut Angebotsbedingungen) und 1,25 Prozent (das ist die Summe aus Provision für ein Festpreisgeschäft und dem Ausgabeaufschlag) liegen, nachzulesen in den Angebotsbedingungen in der Fußnote auf Seite 2.

Unterstellen wir lediglich 0,25 Prozent Ausgabeaufschlag, liegt die effektive Rendite aus dem Zertifikat bei optimalem Verlauf (Kauf, kostenfreies Halten ohne Depotkosten, Rückzahlung in voller Höhe des Nennwerts) bei 1,43 Prozent pro Jahr.

Unterstellen wir 1,25 Prozent Einmalkosten für Kauf (Ausgabeaufschlag + Festpreisgeschäft-Provision) und nichts für den Rest, schrumpft die Effektivrendite schon auf 1,17 Prozent pro Jahr für die vierjährige Laufzeit.

Nun gibt es den Zinskupon von 1,5 Prozent allerdings nicht einfach so jedes Jahr. In welcher Höhe der Nennwert zurück gezahlt wird, hängt von der Kursentwicklung des Euro Stoxx 50 ab, dem Aktienindex für die 50 größten und liquidesten Aktien der Eurozone. Dazu wird mit Beginn der Laufzeit des Zertifikats Anfang Dezember eine Barriere definiert, welche sich 60 Prozent unter dem Indexstand befindet. Zum Laufzeitende im Dezember 2020 wird dann verglichen, ob sich der Indexstand über dieser Barriere befindet – dann wird das Zertifikat zu 100 Prozent des Nennwerts getilgt – oder ob er sich darunter befindet. Dann vermindert sich die Rückzahlung um den prozentualen Verlust zwischen Indexstand zu Laufzeitbeginn und Laufzeitende – also um eben jene 60 Prozent oder gar mehr.

Um es in einem Satz zu sagen: Mit diesem Produkt haben Anleger die Chance auf effektiv 1 bis 1,4 Prozent Rendite pro Jahr und tragen im Gegenzug für diese Zinsen das Risiko, Verluste von mehr als 60 Prozent des Euro Stoxx 50 voll mitzutragen; man hat dann lediglich die Kupons kassiert.

Nun kann man natürlich argumentieren: wie „wahrscheinlich“ sind denn Verluste von 60 Prozent oder mehr im Euro Stoxx 50? Das klingt nach einem eher unwahrscheinlichen Ereignis: 60 Prozent Verlust für einen diversifizierten Aktienindex. Schon bei Verlusten von „nur“ 50 Prozent zum Laufzeitende gäbe es ja die 100 Prozent des Nennwerts zurück.

Blickt man in die jüngere Kurshistorie des Euro Stoxx 50, stellt man fest: in den letzten beiden Crashs beziehungsweise Rezessionen hat der Euro Stoxx zwischen Höchst- und Tiefstkursen jeweils mehr als 60 Prozent verloren! Zwischen März 2000 und März 2003 büßte er in der Spitze 66 Prozent ein, zwischen Juli 2007 und März 2009 60 Prozent. So etwas kann man übrigens leicht über die Anzeige des entsprechenden Charts bei Anbietern wie z.B. der Comdirect oder Onvista… selbst nachlesen.

Es mag für solche Produkte eine Zielgruppe geben. Viele Sparer sind stark auf Nominalzinsen fixiert, genau darauf zielt ja auch die Werbung ab. Die Bank „bedient“ das hier und erhält, nebenbei bemerkt, zwei Prozent der Anlagesumme als Provision, wie aus den Angebotsbedingungen hervor geht. Das heißt: sie verdient mit diesem Produkt in dem Moment des Kaufs mehr, als der Käufer in eineinhalb Jahren effektiv an Zinsen kassiert.

Nur ist es einigermaßen grotesk, womöglich aus Angst vor den Risiken und Schwankungen der Aktienmärkte zu derlei „Kuponanleihen“ zu greifen, wenn man sich seine Zinserträge ein wenig aufpeppen will – und sich ein Aktienrisiko nach nunmehr sieben starken Börsenjahren genau für den „Worst Case“ in das Depot zu holen: nämlich voll dabei zu sein, wenn es richtig nach unten rauscht. Das gilt umso mehr, als dass man für einen Anlagezeitraum von vier Jahren ohne größeres Kurs- und Emittentenrisiko auch Festgeld in der Größenordnung von einem Prozent pro Jahr von Anbietern mit deutschem Einlagensicherung bekommen kann, wie ein eiliger Blick auf die Vergleichsportale zeigt.

Das merkwürdige Chance/Risiko-Verhältnis wird durch einen Blick in die Angebotsbedingungen nicht besser wird: Auf Seite 3 der Angebotsbedingungen gibt die Helaba den so genannten „Issuer Estimated Value“ an. Hinter diesem komplizierten Namen steckt der vom Emittenten geschätzte „Wert“ des Produkts, also was seine Einzelbestandteile in der Summe „Wert“ sind beziehungsweise die Derivate dahinter gekostet haben. Die Differenz zwischen dem Ausgabepreis und diesem „Issuer Estimated Value“ muss Handels- und Abwicklungskosten, das Marketing decken und natürlich auch den Gewinn. Der von der Emittentin geschätzte „Wert“ beträgt hier 97,49 Euro, das heißt also: jenseits des „sichtbaren“ Ausgabeaufschlags von offiziell 0,25 Prozent muss man schon in die Bedingungen schauen, um festzustellen, in welcher Höhe noch Marge in diesen Verkaufspreis reingeschnitzt worden sind.

Wie immer gilt: die Informationen über diese Produkte sind transparent, man muss lediglich die Angebotsbedingungen genau studieren und sich die Szenarien ansehen, von denen die Rückzahlung abhängt.

Eine abschließende Feinheit noch: wieso sind die Kursverluste des Euro Stoxx 50 so hoch ausgefallen? Dazu trägt auch bei, dass viele den Unterschied zwischen Kursindizes (wie dem Euro Stoxx 50) und Performanceindizes (wie dem DAX) meiner Meinung nach missverstehen: „Performanceindex“ heißt nicht etwa, dass die Dividenden insofern berücksichtigt werden, als dass sie den Performanceindex steigen lassen. Also dass etwa der DAX nach einer Dividendenausschüttung von 10.500 auf 10520 steigt, weil die Ausschüttung eines Werts etwa 20 Punkten entspricht. Nein, der Unterschied besteht darin, dass der Indexstand eines Performanceindex bei einer Ausschüttung eines seiner Mitglieder einfach nicht fällt – der Dividendenabschlag der Aktie ex Dividende wird schlicht nicht „mitgemacht“ – während genau das bei einem Kursindex passiert: Dividendenausschüttungen „nagen“ am Kursindex, nicht aber am Performanceindex. „Draufgeschlagen“ wird beim Performanceindex also nur, wenn der Dividendenabschlag wieder aufgeholt wird.

So etwas läppert sich über die Jahre: bei einer aktuellen Dividendenrendite von 3,7 Prozent für den Euro Stoxx 50 wird in den kommenden Jahren einiges vom Kursindex „abgehen“ (wie man sich ohnehin vor Augen führen sollte, dass die in Aussicht gestellte Effektivrendite der „Kuponanleihe“ der Helaba rund zwei Drittel UNTER der Dividendenrendite des Aktienindex liegt, welche natürlich auch ihrerseits unsicher ist).

 

 

 

 

 

 

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5 Kommentare
  1. Jens permalink

    M.A.W: gegen eine Prämie von 1,17% sichert sich die Helaba über eine Laufzeit von 4 Jahren gegen einen Crash ab. Das ist billig. Ein Put über diese Laufzeit -wenn es ihn denn gibt-wäre um einiges teurer..

  2. Richtig, es ist aus Anlegersicht ein Stillhaltergeschäft, ein Marktvergleich aber schwierig, da es ja eine europäische Option ist, die zum Laufzeitende betrachtet wird. Ob sich die Emittentin gegen einen Crash absichert – sich die Option kaufen/strukturieren muss – oder ob die entsprechenden Positionen ohnehin im Handelsbuch „herumfliegen“ und ein Zertifikat drauf aufgesetzt wird – steht natürlich nicht drauf 😉

  3. Jens permalink

    Ich Frage mich nur , wie ein „Berater“ dieses Ding an einen sicherheitsorientierten Kunden verkaufen will, ein risikoneutraler Kunde fasst sowas ja nicht an. Unter den gegebenen Complianceregularien erfordert das aber ein gewisses Maß an krimineller Energie. Was mich in meiner Ansicht bestärkt, daß Verkaufsdruck plus Compliance zu einer Negativauslese unter den Beratern führt. Das komplette Gegenteil dessen, was der Gestzgeber eigentlich beabsichtigte

  4. Jens permalink

    P.S.:wer schreibt, der bleibt….

  5. Gemee permalink

    Hallo,

    meiner Mutter wurde vor kurzen das fast gleiche Produkt von der genossenschaftlichen Ecke im Paket mit zwei weiteren Produkten angeboten und als sicher verkauft. Ich hab mir das ganze mal angeschaut und zu ihr gesagt, dass sie die Finger davon lassen soll.
    Das Geld wird jetzt in Eigenregie angelegt.

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