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Yoc!

26. Januar 2017

Viele Investoren hantieren mit der Dividendenrendite einer Aktie, um ihre absolute und relative Attraktivität (zu Anleihen/Sparbüchern) zu beurteilen. Unter diesem Aspekt ist etwa die Starbucks-Aktie mit einer Dividendenrendite von aktuell 1,7 Prozent nur bedingt attraktiv, gibt es doch für US-Staatsanleihen höhere Zinsen. Aber wie attraktiv fänden Sie Starbucks, wenn die Dividendenrendite bei 27 Prozent läge? Ein kleines Plädoyer für eine alternative Sicht auf das Thema Dividenden über eine Kennziffer, die beim laufenden Zinsanstieg sehr wichtig werden wird.

Für den typischen Börseneinsteiger ist die Dividendenrendite eine wichtige Kennziffer: sie gibt an, womit ein Anleger bezogen auf den aktuellen Kurs an Ausschüttungen rechnen kann. Und es ist eine sinnvolle Kennziffer, signalisiert sie oft Unterbewertungen und spielt selbst für Profis eine wichtige Rolle. Viele Kleinanlegerkarrieren begannen damit, in den Kurslisten von Börsenzeitschriften nach Aktien mit besonders hohen Dividendenrenditen zu suchen.

Das ist alles andere als „Old School“. Als ich gestern auf dem Mannheimer Fondskongress ein Gespräch mit dem Fondsmanager-Urgestein Klaus Kaldemorgen führte, stellte ich ihm die Frage, mit welchen Kennziffern man denn heutzutage Banken überhaupt noch vernünftig beurteilen könnte. Nach einigem Überlegen meinte er, dazu seien stets mehrere wichtig, nannte dann aber als erstes die Dividendenrendite und nicht die vielen anderen Kennziffern wie ROTNAV, ROTE, KBV, ROCE, ROE und Co.

Die „Dividendenrendite“ ist inzwischen aber auch ein wenig in Verruf geraten. Vor allem Pessimisten warnen, dass zu viele Investoren in den vergangenen Jahren Aktien als einen Anleihenersatz gekauft hätten oder verkauft bekommen haben – „Dividende ist der neue Zins“ war so ein merkwürdiges Schlagwort aus dem Marketing. Steigen nun wieder die Kapitalmarktzinsen, sei das Gift für die Aktienkurse, denn dann würden die Aktien wieder verkauft.

Das Argument ist insofern valide, als dass die Attraktivität einer Aktie mit einer Dividendenrendite von, sagen wir, zwei Prozent in Zeiten von Nullzinsen natürlich groß ist, aber bei Zinsen von, sagen wir, vier Prozent nicht mehr so groß.

Es gibt aber noch einen entscheidenden Unterschied zwischen Aktien und Anleihen, der oft unter den Tisch fällt: Dividenden bleiben bei guten Unternehmen nur selten „nur“ konstant, sondern steigen. Der Zinskupon einer Anleihe bleibt aber über die Laufzeit gleich. Überzeugte Aktienbesitzer argumentieren daher auch: wenn die Aktie die Beteiligung an allen künftigen Cash-Flows eines Unternehmens ist, sind Dividenden nicht der neue Zins, sondern der viel bessere Zins. Und muss sich auch niemand über einen Zinsanstieg sorgen.

Dazu ein konkretes Beispiel: In einem einigermaßen lichten Moment empfahl ich im Jahr 2000 (es könnte auch 1999 gewesen sein) einem Familienmitglied den Kauf von Starbucks-Aktien. Die Aktien kosteten seinerzeit knapp 30 US-Dollar. Die Dame kaufte 100 Stück für insgesamt 3.000 US-Dollar. Dividenden zahlte das Unternehmen nicht, sondern investierte viel in die Expansion. (Lassen wir der Einfachheit halber Währungseffekte außen vor, zumal der Euro zum US-Dollar seinerzeit ebenfalls unweit der Parität lag)

Heute zahlt das Unternehmen eine Dividende von einem US-Dollar je Aktie. Das ist überschaubar gemessen am Kurs von 58 US-Dollar, da sich daraus nur eine Dividendenrendite von 1,7 Prozent errechnet. Allerdings ist diese Dividende recht gut abgesichert, denn Starbucks schüttet lediglich 42 Prozent seines ausschüttungsfähigen Gewinns als Dividende aus.

Der Aktien-Pessimist wird Ihnen nun vorrechnen, dass eine Aktie mit 1,7 Prozent Dividendenrendite latent absturzgefährdet ist, wenn die US-Zinsen wieder auf drei oder gar vier Prozent klettern. Denn wer soll sich dann für eine Aktie begeistern mit nur 1,7 Prozent Dividendenrendite und einem luftigen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 31?

Wenn Sie im Jahr 2000 die Aktie gekauft haben, sehen Sie das freilich anders. Denn Sie besitzen nach drei Splits nicht 100 Aktien, sondern inzwischen 800 Starbucks-Aktien im Wert von rund 46.000 US-Dollar und kassieren pro Quartal 200 US-Dollar Dividende (vor Steuern) und pro Jahr 800 US-Dollar. Das reicht für ein paar Café Lattes.

Sie haben für die Aktie aber nur 3.000 US-Dollar bezahlt. Nehmen wir das, was Sie dafür bezahlt haben als Bezugsgröße und nicht das, was das Unternehmen gerade Wert ist, dass erhalten Sie also 800 US-Dollar jährlich auf Ihre Anlage von 3.000 US-Dollar. Macht knapp 27 Prozent Rendite auf Ihren Kaufpreis.

Diese Kennziffer nennt sich auch „Yield on Cost“, kurz YOC. Sie ist weit weniger gebräuchlich als die Dividendenrendite. Wäre es aber anders und würden sich mehr Anleger diese Rechnung so vergegenwärtigen, wäre womöglich auch die Popularität der Aktie eine andere. Es geht natürlich noch krasser: Warren Buffett etwa erhält derzeit knapp 60 Prozent des Kaufpreises, den er einst für Coca-Cola-Aktien auf den Tisch legen musste, als Dividende – und das jedes Jahr.

Der Effekt zeigt sich auch auf kürzere Sicht ohne die langfristigen „Überflieger“-Rechnungen: Ich habe beispielsweise 2011 und 2012 einen US-Standardwert und einen deutschen Midcap gekauft (eher die Ausnahmen, da ich sonst auf Streuung setze via ETFs/Fonds), grundsolide Titel. Inzwischen weist der US-Standardwert eine Dividendenrendite von 2,6 Prozent auf und der Midcap von 3,5 Prozent. Bezogen auf meine Kosten beträgt die aktuelle Rendite aber knapp acht respektive elf Prozent. Möglich, dass die Aktien 30 Prozent fallen, wenn die Zinsen steigen. So what?

Natürlich können Unternehmen Dividenden kürzen, streichen oder gar Pleite gehen. Aktien sind Risikopapiere, volatil. Ein heute sicherer Dividendenzahler kann in 20 Jahren vom Markt gefegt sein. Das „Spiel“ funktioniert aber natürlich auch bei einem breit gestreuten Index, nehmen wir den DAX: Dessen Dividendenrendite fluktuiert je nach Zinsniveau, Gewinnlage und Stimmung zwischen rund 2 und rund 4 Prozent.

Wenn Sie vor 20 Jahren bei einem Dax-Indexstand von 2500 Punkten „zugeschlagen“ haben (unterstellen wir dazu die Investition in einen ausschüttenden Dax-ETF auf den Kursindex, so es schon einen gegeben hätte) und 2500 Euro investiert haben, dann bringt Ihnen diese Anlage heute – jenseits der erfreulichen Kursgewinne – auch eine „Yield on Cost“ von rund 14 Prozent (vor Steuern). Das heißt: es fließen rund 14 Prozent ihrer damaligen Investitionssumme als Dividenden an Sie zurück. Schließlich haben  die Dax-Firmen Gewinne und Dividenden kräftig gesteigert und sind erfreulicherweise die Aktien mit Schwierigkeiten auch aus dem Index geflogen und durch bessere ersetzt worden.

Ich weiß, das ist eine vereinfachte Darstellung, bei der etwa auch der Hang von US-Firmen zu Aktienrückkäufen statt Dividenden unter den Tisch fällt.

Generell ist das Problem aber die Anlegerpsyche: wir neigen dummerweise dazu, bei Aktien im Hier&Jetzt zu denken, sehen starke Kursanstiege als Warnsignal, etwas sei „überbewertet“. Viele Anleger kennen zudem das Phänomen, dass ihnen schwindelig wird auf dem Weg nach oben: Hat man eine Aktie im Depot, die sich vervielfacht, ist man natürlich verführt, sie eben nicht als feinen Dividendenzahler zu sehen, sondern den Gewinn „einzulocken“, wie es so schön heißt – und das Geld auf ein Tagesgeldkonto zu legen oder sich dafür etwas schönes zu kaufen oder in andere Anlagen umzuschichten.

Und glauben Sie mir: Starbucks-Aktien waren nie billig seit 2000, sondern immer üppig bewertet für das erwartete Gewinnwachstum. Es gab auch immer wieder mal heftige „Schläge“, die die Aktie einbrechen ließen, alle paar Jahre ging es da mal 40-50 Prozent in den Keller. Ich kann mich auch gut erinnern, dass es schon 2005 hieß, die Expansionsstrategie sei eigentlich am Ende, da in jedem US-Parkhaus schon ein Starbucks wäre und die Menschen bald einsehen würden, wie bekloppt 4 Dollar bzw. Euro für einen Café Latte wären. Ich bin sicher, ähnliches hörten auch McDonalds- und Coca-Cola-Aktionäre schon 1975 und 1985….

Idealerweise knipst man aber den aktuellen Börsenwert eines Aktie einfach aus seinem Hirn aus und deklariert eine Aktienanlage zu dem, was sie sein soll, eben eine Langfristanlage, deren aktueller Kurs einen nur am Rande interessiert, und das ganz unabhängig vom Zinsniveau. Und erfreut sich an steigenden „Yield on Cost“ seiner Anlage, der, je geduldiger man ist, kontinuierlich steigen sollte.

Viele langfristig überzeugende Portfoliomanager (und auch Warren Buffett) agieren genau so. Das ist psychologisch schwierig und leichter gesagt als getan. Aber gerade aufgrund der möglichen Zinswende an den Kapitalmärkten vielleicht eine disziplinierende Hilfe.
(Disclosure: ich bin selbst ebenfalls seit einigen Jahren Starbucks-Aktionär)

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4 Kommentare
  1. Eine gute Sicht auf das Depot. So verfahre ich, seit ich 2013 mit meinem Depot startete.

    Ich hatte das Glück diese Begrifflichkeit schon vor Beginn meiner ernstzunehmenden Anlegertätigkeit zu kennen.

    Ernstzunehmend? Vorher gab es für mich nur Sparanlagen oder einen schnellen Zock mit Aktien oder Optionsscheinen.

    Eine weitere Möglichkeit die Aktien aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, ist sich die Gesamtperformance anzuschauen.

    Eigenes Beispiel: BP, gekauft 2013 und 2014 die gleiche Anzahl an Aktien nochmals aufgestockt, ist ca. 0,5 % im Minus.
    Rechnet man die seitdem ausgeschütteten Dividenden mit ein, komme ich auf eine Rendite von ca. 18 %.

    Das klingt schon viel besser und lässt mich im Moment nicht zu dem Schluss kommen, die schwach gelaufenen Öl-Werte zu verkaufen.

    Gruß,
    Marco

  2. Michael permalink

    Wie berechne ich denn YoC, wenn Teilverkäufe vorgenommen wurden und damit die Cost negativ ist.

    Beispiel: Vor langer Zeit 1000 Stück einer Aktie zu 1,50 EUR gekauft, und die Hälfte davon bei 4,00 EUR wieder verkauft. Kosten der Position: 1500 EUR – 2000 EUR = -500 EUR

    Ist jetzt mein YoC negativ?

    • Nein, natürlich nicht. Nur kann man die Kennziffer sinnvollerweise nur auf positive durchschnittliche Einstandspreise errechnen, die sich zB auch ergeben, wenn man in mehreren Tranchen „kauft“. Dann setzt man die Dividende einfach in Bezug auf den durchschnittlichen Einstandskurs.

      Ich würde im genannten Beispiel den Yield on Cost einfach auf die Kosten der verbliebenen Position errechnen und den übrigen Teil als vereinnahmten Gewinn geistig ausbuchen. Also einfach Dividende in Bezug auf die 1500 Euro.

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  1. Kleine Presseschau vom 27. Januar 2017 | Die Börsenblogger

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