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„Soll ich auf einen Schlag anlegen oder lieber einen Sparplan starten?“

23. Oktober 2018

Eine der häufigsten Fragen, die ich privat höre. Bonusfrage beziehungsweise Bonusstatement mit der Bitte um Kommentar: „Ich hab‘ Sparpläne auf ein paar richtig volatile Sachen laufen, da spielt mir ja die Vola in die Hand“. Stimmt das – und wie verhält es sich denn nun in der Frage Einmalanlage vs. Sparplan?

Es hilft nichts, aber der „Durchschnittskosteneffekt“ ist ein echtes Klugscheißerthema. Finanzdienstleister klugsch**** gerne, es sei doch toll, bei einem Sparplan mit regelmäßigen Beträgen (sagen wir: 100 Euro) bei niedrigen Kursen viele und bei hohen Kursen wenige Fondsanteile zu kaufen. Man verhalte sich so antizyklisch. Just heute noch las in einem geschätzten Blog eines Vermögensverwalters zudem Sätze wie „Volatilität ist Ihr Freund, wenn Sie regelmäßig anlegen“.

Viele Finanzwissenschaftler klugsch****, das sei alles Marketingquatsch.

Wer hat Recht?

Ich schicke mein salomonisches Urteil voraus: Über die Vorzüge von Sparplänen kursiert viel Unsinn. Sie sind weder gut für die Rendite, noch ist Volatilität eine wünschenswerte Eigenschaft beim „Objekt“ des Sparplans. Es spricht daher finanzmathematisch nichts dafür, eine Einmalanlage zu strecken oder sich einen besonders volatilen Zielfonds/ETF „auszusuchen“, wie es eine Weile in der Mode war mit Asien-Technologie-Biotech-Fonds und ETFs.

ABER.

Wenn ein Sparplan dazu beiträgt, einen Anleger entspannter zu machen in Krisen und zu disziplinieren, seinen Sparplan eben NICHT über den Haufen zu werfen oder das angesparte Vermögen zu liquidieren – dann kann er sehr gute Dienste leisten im Vermögensaufbau. Das gilt auch dann, wenn eine Einmalanlage die Alternative wäre, etwa, weil es eine Schenkung gab, Erbschaft, einen Bonus, den man auch auf einen Schlag investieren könnte.).

Und man sollte schon mal selbst den Finger auf der Maus zum Click „Kaufen“ gehabt haben oder in einem Beratungsgespräch gesessen haben für einen fünfstelligen Anlagebetrag, um zu wissen, dass „Timing ist egal“ zwar in der Theorie stimmen mag, aber man ganz praktisch dann doch große Ängste entwickelt, in Sachen Kaufzeitpunkt  zu machen. Da liegt es nahe, zu versuchen, das Timingrisiko zu senken.

Warum ist eine „Streckung“ finanzmathematisch Quatsch?

Nun: es ist eben nicht so, dass ein Sparplan ein Ergebnis nur „glättet“. Zwei Dinge sind wichtig zu verstehen, wenn es um Sparpläne geht: Erstens steigen Aktien langfristig nun mal – und sollte ich auch eine grundsätzlich positive Erwartung für die langfristige Kursentwicklung meines besparten Fonds/ETFs haben. Habe ich die nicht, lasse ich die Anlage ganz bleiben und nutzt es mir auch nichts, dass die Kurse vielleicht unterwegs wild schwanken. Entscheidend für meine Rendite ist der Grundtrend, der muss nach oben zeigen.

Aber genau das tut er ja erfreulicherweise am Aktienmarkt. Das heißt: Die Wahrscheinlichkeit von Plus-Monaten, Plus-Jahren… ist langfristig höher als die eines schlechten Jahres. Folglich senke ich auch meine Renditeerwartung mit jedem Monat/Jahr, in dem ich nicht investiert bin, weil ein Teil meines Geldes noch nicht investiert ist (es aber sein könnte.). Hier wird das näher erläutert.

Dafür senke ich zwar mein Timingrisiko mit einem Sparplan. Aber mein Umgang mit Risiko ist fahrlässig: Ich fahre es ja im Laufe der Ansparphase hoch, genauer: von 0 (in der Sekunde vor meiner ersten Sparrate, wenn ich noch zu 100% in Cash bin) auf 100 in dem Moment, wo die letzte Rate meiner gestreckten Anlage geflossen ist und ich voll investiert bin. Ich schiebe also das „Risiko“ meiner Anlage an das ENDE meines Betrachtungszeitraums, komme aber umgekehrt nicht vollständig in den Genuss der tollen Eigenschaft von Aktien, dass die Zeit tendenziell FÜR mich arbeitet: Lege ich Geld nur für ein Jahr in Aktien, habe ich eine große Bandbreite an Renditeerwartungen. Lege ich es für zehn Jahre an, verengt sich diese Erwartung immer weiter. Lege ich es 30 Jahre an, habe ich historisch eine Quasi-Garantie auf eine Mindestrendite gehabt. Auch dazu hier noch einige gute Anmerkungen von Gerd Komer.

Nochmals plastisch gesprochen: Es ist einer Anlage von, sagen wir, 10.000 Euro in den Dax „egal“, ob sie vor drei Jahren auf einen Schlag oder in 10 Tranchen zum Durchschnittspreis von je 1.000 Euro je Tranche gekauft worden ist. 10.000 Euro im Dax tragen stets das gleiche Risiko. Hier ist dieser Aspekt noch mal näher erklärt.

Grau ist alle Theorie, auch wenn Monte-Carlo-Simulationen, also tausende ganz zufällige Kursverläufe, das so belegen – machen wir es praktisch: Im Dezember 2000 wurde der heutige Core-Dax-ETF aufgelegt. Damit setzt die Datenverfügbarkeit ein. Der Fondsrechner von http://www.fondsweb.de erlaubt eine schöne Spielerei, wie sich Sparpläne und Einmalanlagen nach Kosten bis heute entwickelt hätten, wobei wir für Einmalanlage wie Sparplan moderate 0,5% Einmalkosten unterstellen und die Gebühren für den Erwerb in der Summe gleich (gering) sind bei Ansparplan wie Einmalanlage. Praktisch wären Sie vermutlich beim Sparplan höher, aber egal.

Gehen wir nun schlicht für jeden Jahreswechsel – also Ende 2000, Ende 2001, Ende 2002… bis heute davon aus, dass ein Anleger vor der Frage steht, ob er 10.000 Euro auf einen Schlag anlegen soll oder in gleich große Monatsraten bis heute (Oktober 2018) strecken soll.

Endpunkt aller Betrachtungen ist also jeweils heute. Rechnerisch hätte ein Anleger also Ende 2000 einen Sparplan mit knapp 47 Euro/Monat beginnen können und wäre heute, nach 214 Monaten, voll investiert. Er hätte dann genauso den Betrag von 10.000 Euro angelegt wie derjenige, der Ende 2000 auf einen Schlag in den Dax-ETF ist. Wer wiederum Ende 2001 gestartet ist, hätte für den Sparplan 202 Raten á knapp 50 Euro gezahlt – und so weiter.

Das Ergebnis im Praxisvergleich (der letzte betrachteter Sparplan startete Ende 2016, Betrachtung < 12 Monate erschien mir nicht sinnvoll): Im Schnitt (Median) brachte die Einmalanlage 17.000 Euro Endvermögen, der Sparplan (Median) 13.800 Euro.

Interessanter noch: Nur in zwei Fällen – 2000 und 2007 – hat der Sparplan zu einem leicht höheren Endvermögen geführt, einmal um 1000 Euro (Start Ende 2000) und einmal um 550 Euro (Start Ende 2007). Dem gegenüber standen die überragenden Ergebnisse der Einmalanlage zu Tiefstkursen 2002, 2003, 2008, 2011 – hier schob sich die Einmalanlage in der Spitze 18.000 Euro vor den Sparplan.

Dabei tat der Dax den Sparplan-Investoren doch durchaus den Gefallen, stark zu schwanken: es ging von einst 8000 Punkten (2000) auf 2200 Punkte (2003), wieder rauf auf 8000 (2007), runter auf 3600 (2009), rauf auf 12000 (2018).

Die Bandbreite der Ergebnisse der Einmalanlage: 10.000-36.000, die des Sparplans: 9.200 bis 18.000 Euro.

Ich habe mir spaßeshalber noch mal einen Fonds angesehen, der noch erheblich wilder als der Dax schwankte: Den Pictet Biotech – ein „Klassiker“, schon in den 90er Jahren aufgelegt und daher mit entsprechender Kurshistorie. Schließlich gab es 1999/2000 eine Biotech-Blase, dann brachen die Kurse zusammen, brauchten über ein Jahrzehnt für neue Hochs, knickten 2015/2016 wieder knapp 40 Prozent ein – erholten sich leicht seitdem, sind aber noch immer ein gutes Fünftel unter den alten Hochs. Das muss doch ein volatiles Paradies für Sparpläne sein!

Ist es aber nicht. Die Existenz starker Preisschwankungen ist eben nicht wünschenswert, wenn man einen Sparplan hat. Die theoretische Begründung dafür findet sich hier in diesem „Standardwerk“ zum Durchschnittskosteneffekt.

Hier liegen Daten bereits ab 1998 vor. Gleiches Modell: Ein Anleger steht jeweils 1998, 1999, 2000… vor der Frage: 10.000 auf einen Schlag oder gestreckt bis 2018 in monatlichen Raten anlegen, Betrachtungszeitpunkt jeweils Oktober?

Der Median aller Einmalanlagen hier: 27.900 Euro. Der der Sparpläne: 19.200 Euro. Es gab drei Jahre, in denen der Sparplan einen Vorsprung vor der Einmalanlage hatte: 2000 (7600 Euro), 2001 (800 Euro) und nochmal 2015 (400 Euro). In der Spitze war die Einmalanlage aber 60.000 Euro vorne.

Die Bandbreite des Endvermögens der Einmalanlage: 10.100 bis 88.000 Euro. Die Bandbreite des Endvermögens der Sparpläne: 10.100 bis 27.500.

Man beachte, dass das untere Endvermögen im „Worst Case“ bei der Einmalanlage nicht unter dem Worst Case des Sparplans lagen. Nun kann man natürlich ketzerisch sagen: Wenn der besparte Fonds im Betrachtungszeitraum fällt, sieht das alles ganz anders aus.

Das stimmt. Dazu habe ich einmal getestet, wie sich Einmalanlage und Sparplan mit dem ETF auf den DJ Turkey Titans entwickelt hätten – einem schönen „Horror-ETF“ rückblickend: volatil, nach hinten heraus wegkippend. Betrachtet werden konnten hier die Zeiträume (2007-2018, 2008-2018, 2009–2018…) seit 2007.

Das Ergebnis: Wenig überraschend wäre hier der gestreckte Sparplan besser gewesen, jeder nicht angelegte Cent half. Der Median des Endvermögens der Einmalanlagen: 6.300 Euro. Der Medien des Endvermögens monatlicher Sparpläne: 6.800 Euro. Ein eher schwacher Trost. Die Bandbreiten: 5.300 bis 8.900 Euro für die Einmalanlagen, 6.300 bis 7.600 Euro für die Sparpläne.

Ein Sparplan wäre hier also die (wahrscheinlich) bessere Lösung gewesen – aber überzeugend ist das nicht. Und wer mit fallenden Kursen rechnet, der sollte besser weder zu Sparplänen noch zu einer Einmalanlage greifen. Wir kennen schließlich das Endvermögen einfach nicht – und können entsprechend auch nicht „rückwärts“ optimieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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6 Kommentare
  1. reichplanung permalink

    Hallo Herr Kirchner,

    interessant und auf jeden Fall die richtige Herangehensweise. Die Frage ist natürlich, wie lange ist der Sparplan und wie ist der Kursverlauf. Ich komme dabei auf eine Quote von rund 2/3, in denen die Einmalanlage gewonnen hätte.

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    Existiert plötzlich ein größerer Geldbetrag, der angelegt werden soll, besteht oft die Angst eines unglücklichen Timings. Eine Alternative könnte es daher sein, nicht den kompletten Betrag auf einen Schlag zu investieren, sondern diesen in monatliche Raten aufzuteilen, die jeweils investiert werden.
    Das Ergebnis spricht jedoch nur bedingt für ein solches Vorgehen. In der Vergangenheit wäre es für einen Zeitraum von 10 Jahren in etwas mehr als zwei Drittel der Fälle besser gewesen, alles sofort anzulegen. Aufgrund der Länge der verfügbaren Zeitreihe habe ich dazu den Dow Jones Industrial gewählt, weil es diesen seit über 100 Jahren gibt.
    Interessant sind noch die Konstellationen, in denen dies der Fall war. Der Wert wird in beiden Fällen durch den Schlusskurs bestimmt, welcher identisch ist. Der Unterschied muss also aus dem Kursverlauf kommen, wobei die Kurse des Sparplans eben im Durchschnitt unter dem Kaufkurs der Einmalanlage gelegen haben müssen.
    Je länger der Zeitraum des Sparplans wird, desto unwahrscheinlicher ist dies, weil die Kurse langfristig steigen. Je kürzer der Zeitraum, desto schwieriger wird es allerdings, fallende Kurse zu erwischen. Als Fazit, wer in Aktien investieren möchte, im Durchschnitt ist früher besser! #finanzblogger #vermögensbildung #sparen #finanziellefreiheit #vermögen #earlyretirement #freiheit #geld #finanzen #bildung #reich #reichtum #million #finanziellunabhängig #planung

    A post shared by Alex Schmitt (@reich.durch.planung) on

    Zuletzt ist es immer Timing und Risikobereitschaft. Der eine hält es aus, der andere nicht, und selbst in einem Sparplan kann es blutig werden. Aus meiner Sicht ähnelt die aktuelle Situation dem Jahr 2001 und wie selbst ein 1998 Sparplan aussah habe ich hier dokumnetiert:
    https://wordpress.com/post/reichplanung.wordpress.com/278

    Grüße, Alex

    • Ja, die Zahl von etwas 2/3 kommt auch in den Langfriststudien von Vanguard raus (siehe erster Linke oben) – in rund 2/3 der Fälle ist die Direktanlage besser, in 1/3 der Sparplan. https://personal.vanguard.com/pdf/s315.pdf

      Das gilt für mehrere Länder und lange Zeiträume. Allerdings kommt auch da die Magnitude ins Spiel: wenn die Einmalanlage vorne ist, dann gelegentlich deutlich, wenn der Sparplan vorne ist, dann nicht ganz so stark, woraus sich eine recht deutliche Überrendite der Einmalanlage ableiten ließ in der Größenordnung zwei Prozentpunkte pro Jahr. Wenn man unterstellt, dass mit Aktien real langfristig fünf Prozent p.a. drin sind, macht das doch einen großen Unterschied im zu erwartenden Endvermögen – immer vorausgesetzt, die Nerven stimmen und wir haben auch künftigen einen schönen Uptrend.

  2. Benjamin Maul permalink

    Vielen Dank für diesen Artikel!

  3. Danke für diesen tollen Blog. Mach weiter so.

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