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Irre Welt!

27. Januar 2015

Es sind gute Zeiten für Anleger: Die Aktienmärkte haussieren, die Anleihenkurse klettern weiter, Öl wird immer billiger, alle nicht in Euro denominierten Wertpapiere legen quasi täglich zu wegen des schwachen Euros. Zeit für ein bisschen publizistische Selbstkritik – und den Ratschlag, einen Plan für 2015 zu schmieden für den Fall merkwürdiger Kursbewegungen. Ach ja, die „Marktcalls“. Für Laien: So nennt man eher kurz- und mittelfristige Kursprognosen für Aktien, Anleihen, Währungen oder Rohstoffe. Natürlich sind diese ein Ding der Unmöglichkeit. Aber: Sie machen natürlich auch Spaß, sind das Salz in der Suppe der Beschäftigung mit Kapitalmärkten.

Wäre ich ein eher kurzfristig orientierter Trader, dann hätten mich meine persönlichen Markteinschätzungen in den vergangenen drei Monaten sehr viel Geld gekostet. Bei einem Wechselkurs von 1,25 Dollar je Euro schien mir die Stimmung „Pro Dollar“ derart übermächtig (und die Wetten auf einen schwachen Euro am Devisenmarkt so groß), dass ich einen weiteren Verfall des Euros nur für schwer vorstellbar hielt. Nun stehen wir bei 1,13 Dollar.

Im Oktober – rückblickend dem ersten von zwei DAX-Rutschpartien – hielt ich persönlich die DAX-Rally für beendet. In Verbindung mit den extrem niedrigen Zinsen hielt ich es für wenig wahrscheinlich, dass der Markt „verlusttolerant“ sei. Die vielen prozyklischen Handelssysteme und Wertsicherungskonzepte würden gewiss die Abwärtsdynamik verstärken. Stattdessen wurden starke Rückschläge von immerhin rund 10 Prozent sehr schnell aufgeholt. Lassen wir auch nicht unter den Tisch fallen, dass ich bei Kursen zwischen 28 und 32 Dollar Microsoft – heute: 47 Dollar – für eine ziemliche kaputte Firma hielt.

Natürlich gab es auch bessere Einschätzungen: Bei den Zinsen nicht fest mit der Wende zu rechnen. Von Öl die Finger zu lassen. Bei Zalando und Rocket Internet sich nicht von den Schnellschüssen in den Kommentaren am Tage der Börsengänge beirren zu lassen. Meine grundsätzlich positive Haltung zu Aktien.

Unter dem Strich komme ich dem Münzwurf (wie die meisten) wohl ziemlich nahe und bin daher froh, die Finger von kurzfristigen Transaktionen zu lassen und auch Leser nur begrenzt damit zu nerven. Für Buy&Hold-Investoren gestalteten sich die vergangenen Wochen ja vorzüglich. Falls Sie übrigens die Trefferquote einschlägiger Gurus interessiert, können Sie dazu unsere Geschichte in Capital 11/2014 noch einmal nachlesen (erhältlich via App) oder auch oberflächlich hier einmal nachlesen.

Das ist allerdings auch nicht mein heutiger Punkt. Mein heutiger Punkt ist, dass ein Anleger aus der unglaublichen Preisentwicklung des Ölpreises und auch der Frankenaufwertung einen wichtigen Schluss ziehen sollte: ALLES IST MÖGLICH. Die kurz- und mittelfristige Preisbildung bei Wertpapieren hat sich vollends von jeder fundamentalen Regel entfernt. Man muss es sich wirklich einmal vorstellen, dass Ökonomen, Ölanalysten, Profis aller Art jetzt einfällt, dass die Ölpreise ja wegen der Angebotsausweitung zu Recht fallen. Aber schon wieder langsam uneins sind, ob das alles wirklich netto positiv für die Weltwirtschaft sei. Dabei kommt die Ausweitung nun wahrlich nicht überraschend.

Mich befriedigt die Antwort auch nicht, denn warum fallen die Preise für Kupfer und Erz gleichermaßen? Viel wahrscheinlicher scheint mir, dass hier – wie so oft – zeitweise hoher Rohstoffpreise und eine zeitweise hohe Nachfrage dazu geführt hat, dass man die künftige Nachfrage überschätzt hat und Produktionsausweitungen eingeleitet hat. Die Geschichte des kaufkräftigen, konsumfreudigen Mittelstands in Schwellenländern und seine Folgen für die Rohstoffnachfrage hat sich schließlich schon vor Jahren bis in den letzten Winkel der Republik herum gesprochen. Nun keimen daran Zweifel, aber die Produktionsausweitungen „greifen“. Wenn aber hochbezahlte Experten mit Blick auf die Förderung und Reserven und einer gar nicht so extrem volatilen Nachfrage nicht in der Lage sind, derartige Preisschwünge zu antizipieren, sagt dies einiges über den irren Markt aus, in dem wir uns bewegen. Einen klugen Gedanken äußerte der Mischfondsmanager Luca Pesarini vor gut einer Woche auf einer Konferenz, als er sagte, er lösche alle eMails zum Thema Ölpreis derzeit ungelesen, da es die kommenden sechs Monate ohnehin nur eine unvorhersehbare Zockerei sei, wo der Preis hingehe.

Mit dem Franken ist das Bild ähnlich. Die Freigabe des Franken zum Euro hatte niemand auf dem Zettel. Man muss sich dazu in Erinnerung rufen, dass Strategen landauf, landab dazu raten, sich nicht mit Notenbanken anzulegen und der Strategie der Notenbanken zu „folgen“. Wer sich auf die Notenbank „verlassen“ hat, den Mindestkurs des Euros zum Franken durchzuhalten, der hat ein Problem.

Übertragen wir das Bild auf die Aktienmärkte: Es wäre ein Leichtes, einen Einbruch der Aktienkurse in der Breite von 30 Prozent zu verargumentieren. Die Kurse gerade „defensiver“, nichtzyklischer Titel haben inzwischen sehr luftige Höhen erreicht – ein Konsumgüterriese wie Procter & Gamble wächst organisch nur noch minimal, schrumpft netto bereits wegen des schwachen Dollars, kann seine Gewinne nur noch im mittleren einstelligen Prozentbereich steigern, wird aber mit dem 24fachen der Gewinne bewertet und muss über zwei Drittel seines ausschüttungsfähigen Gewinns auskehren, um drei Prozent Dividendenrendite zu zahlen. Gut möglich, dass man Procter demnächst bei Nahe-Nullzinsen ein KGV von 35 zubilligt und die Aktie folglich selbst bei stagnierenden Gewinnen nochmal kräftig zulegt. Ebenso gut möglich, dass sie ein Drittel einbricht und eigentlich keiner Grund zu Beschwerde hätte.

Was Anleger nun brauchen, ist ein guter Plan. Denn zwischen der Haltung vieler Kapitalmarktstrategen und dem Anlagehorizont der meisten Privatanleger klafft eine Lücke. Ein, zwei Jahre blicken Strategen voraus, dahinter wird es neblig-trüb. Darüber hinaus bewahren sie sich taktische Flexibilität. Anleger können nicht permanent an ihren Anlagen herumdoktern. Aber haben sie auch die Nerven, Kursentwicklungen wie beim Franken oder dem Öl mit ihren Aktien und Anleihen „mitzugehen“, ohne die Nerven zu verlieren? Darüber lohnt es sich, jetzt nachzudenken.

Denn wer kennt das Spiel nicht: Mit den Kursveränderungen wechselt häufig auch der Anlagehorizont eines typischen Privatanlegers. Gehen die Kurse durch die Decke, werden gerne mal Gewinne mitgenommen – weil nur wenige dem Anstieg trauen. Brechen sie ein, werden spekulative Positionen gerne einmal zum Langfristinvestment umdeklariert – kommt Zeit, kommt bestimmt wieder die Erholung.

 

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3 Kommentare
  1. Zitat: „Die kurz- und mittelfristige Preisbildung bei Wertpapieren hat sich vollends von jeder fundamentalen Regel entfernt.“

    Lieber Herr Kirchner, seien Sie mir nicht böse, wenn ich das so plakativ sage, aber da arbeiten Sie mit einer völlig verfehlten Grundannahme. So kann nur Verwirrung übrig bleiben.

    Denn die Preise die an den Märkten aufgerufen werden, haben kurz- und mittelfristig noch nie nach fundamentalen Regeln funktioniert. Auch nicht 1987 und auch nicht 2007. Noch NIE!

    So funktionieren Märkte einfach nicht, denn die Preise werden von Menschen gemacht, die sich etwas denken und vor allem etwas erwarten. Und die Erwartungen sind es immer, die die Preise bestimmen!

    Dass die Erwartungen natürlich auch auf fundamentalen Daten beruhen, die die Menschen wiederum sehen und aus denen sie dann Schlüsse ziehen, ist klar. Insofern spielen fundamentale Regeln eine Rolle, aber eine indirekte Rolle, nämlich erst, nachdem diese durch unser Gehirn zu einer Erwartung „umbearbeitet“ werden.

    Bei einer freien Entscheidung, kaufen Sie doch auch nicht heute Öl, weil es heute bei 60$ „IST“. Sie kaufen nur dann heute Öl, wenn Sie „ERWARTEN“, dass es Morgen teurer wird. Die Erwartung bestimmt also Ihr Handeln, nicht der fundamentale Fakt des Ölpreises!

    Und was passiert, wenn alle das gleiche Erwarten? Dann kaufen alle Öl und der Preis steigt schnell. Und am Ende ist er wieder bei 80$ und alle fragen sich, wo denn die „fundamentalen Fakten“ seien, die den Anstieg rechtfertigen. Da sind aber keine und waren noch nie welche, die Erwartung war der Faktor und die Erwartung wird von allem möglichen beeinflusst, von Politik, von Notenbanken, vom Umfeld, von alten Erfahrungen und auch vom Markt selber, der so eine Rückkopplung auslöst.

    Ich habe das Thema hier in einem Grundsatzartikel mal beleuchtet, den sollten Sie unbedingt mal lesen:
    http://www.mr-market.de/reflexivitaet-die-fuer-sie-vielleicht-wichtigste-abstrakte-boersenerkenntnis-ueberhaupt/

    Das ist auch der Grund, warum bei Prognosen so viel Unfug erzählt wird. Ohne den entscheidenden Erwartungsfaktor, ist eine Kursprognose perse Blödsinn. Und dummerweise verändern sich die Erwartungen der Menschen dynamisch, weswegen man bestenfalls für kurze Zeit voraus schauen kann und das auch nur mit Wahrscheinlichkeiten und nicht mit Gewissheiten.

    Denken Sie also bitte an die Reflexivität. Das Verständnis ist absolut zentral! Denn wenn da einer wäre, der immer richtige Prognosen generiert, würde ihm alle folgen. Und damit könnten die Prognosen schon nicht mehr funktionieren, weil die Kurse schon längst am Ziel wären. Der Erfolg erzeugt also den zwangsweisen, systemischen Misserfolg.

    Oder mit anderen Worten, wenn alle nun sicher wüssten, dass sich nun ein Wirtschaftsboom in Europa anschliesst, der über Jahre trägt und erst 2018 seinen Hochpunkt erreicht, wäre der DAX in einer wahnsinnigen Rally schon heute bei 15.000 und nicht erst im Jahr 2018! Die Erwartung bestimmt das Sein, nicht die fundamentale Realität!

    Es gibt dazu auch ein Sprichwort: „Wenn alle das gleiche Denken, denkt niemand“.

    Und der Markt ist eine reflexive, selbstbezügliche Erwartungsmaschine. Und er war definitiv nie eine Faktenmaschine und wir nie eine sein!

    Gruss, Ihr Hari

  2. Danke für den tollen Fachartikel.
    Wirklich sehr gut geschrieben, Hut ab!
    Freue mich bald mehr davon zu lesen.

    Viele Grüße,
    Patrick

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  1. Kleine Presseschau vom 29. Januar 2015 | Die Börsenblogger

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