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Die Dividende macht’s

28. März 2011

Sie glauben, Gewinnausschüttungen seien wichtig für den Anlageerfolg? Das stimmt nicht. Sie sind entscheidend.

erschienen in der FTD in am 28.3.2011

Jedes Jahr im März ist es das gleiche Spiel in Redaktionskonferenzen: Meist ist es ein Volontär oder Praktikant, der vorschlägt, man könne sich doch mal der nun beginnenden Dividendensaison der DAX-Konzerne widmen oder der Dividendenstrategie, die auf dividendenstarke Aktien setzt. Erfahrenere Kollegen schweigen dann meist betreten, selbst mancher Ressortleiter rollt die Augen. Wieder ein Jahr rum. Und wieder das Thema Dividenden, das intern als bieder und unsexy gilt, wenig Neues birgt außer ein paar Wasserstandsmeldungen über Ausschüttungsquoten und -summen. Will der Leser überhaupt noch etwas darüber wissen?

Er muss dringend mehr wissen. Zum Beispiel, dass Dividenden nicht wichtig, sondern absolut entscheidend für den Anlageerfolg sind. Oder dass die rituell rezitierte These Quatsch ist, nach der Dividenden langfristig rund ein Drittel des Gesamtertrags mit Aktien ausmachen und Kursgewinne zwei Drittel.

Fangen wir mit dem letzten Punkt an, der perfekt illustriert, wieso Dividenden notorisch unterschätzt werden. Denn tatsächlich machen Dividenden langfristig 99 Prozent des Gesamtertrags einer Aktienanlage aus. Was nach einer zurechtgebogenen Statistik klingt, ist eine ebenso einfache wie eindrucksvolle Folge des Zinseszinseffekts, den Forscher der Universität Princeton im Jahr 2002 belegt haben: Zwischen 1900 und 2000 haben US-Aktien ohne Berücksichtigung von Dividenden (der Einfachheit halber wie in allen Folgerechnungen vor Steuern) 5,4 Prozent pro Jahr zugelegt und mit Dividenden 10,1 Prozent pro Jahr. Intuitiv könnte man nun vermuten, Dividenden trügen etwas weniger zum Gesamterfolg bei als Kursgewinne – nämlich 4,7 Prozent, errechnet aus 10,1 Prozent Gesamtrendite minus 5,4 Prozent Kursgewinne. Und dass das Endvermögen folglich einschließlich Dividenden also etwa doppelt so hoch ausfällt wie ohne. Was schätzen Sie?

Tatsächlich fällt es 86-mal so hoch aus. Aus einem 1900 investierten Dollar wuchs ohne Dividenden ein Vermögen von 198 Dollar und mit Dividenden von 16 979 Dollar. Macht 99 Prozent Ergebnisbeitrag für wiederangelegte Dividenden und ein Prozent für den nackten Kursgewinn. Hintergrund: Nur wiederangelegte Dividenden zünden den Turbo beim Zinseszinseffekt, da sie ebenfalls von künftigen Kurssteigerungen profitieren und nach Wiederanlage ebenfalls wieder dividendenberechtigt sind.

Nun kann man, zugegeben, seine Zeit sinnvoller mit Rasenmähen oder einem Mittagsschlaf verbringen, als sich mit einhundertjährigen Betrachtungsperioden bei der Geldanlage zu beschäftigen. Doch dass Dividenden die entscheidende Stellschraube bei der Aktienanlage sind, lässt sich auch mit einem deutschen Standardwert und einer für die Vorsorge typischen Haltedauer von 30 Jahren belegen. Wer im Jahr 1980 5000 Euro in BASF-Aktien angelegt hat, verfügt heute über Papiere im Wert von knapp 84 000 Euro und hat 29 000 Euro Dividende kassiert. Macht in der Summe 113 000 Euro und folglich rund ein Viertel Renditebeitrag durch Dividenden. Wer seine Dividende stets in neue BASF-Aktien angelegt hat, sitzt heute auf Aktien über 265 000 Euro, und der Gewinnbeitrag der wiederangelegten Ausschüttungen liegt bei 70 Prozent.

Nun spricht nichts dagegen, Dividenden schlicht zu verprassen. Niemand wird auf dem Sterbebett vom segensreichen Zinseszinseffekt bei der Aktienanlage räsonieren, und in angelsächsischen Ländern bestreiten viele Anleger ihren Ruhestand aus Ausschüttungen von Dividendenfonds. Nur gehen viele Investoren hierzulande häufig den Mittelweg, sie lassen Ausschüttungen auf mager verzinsten Verrechnungskonten versauern, zumal die Wiederanlage nur bei hohen Anlagesummen lohnt, sollen nicht die Orderkosten überproportional zu Buche schlagen. Hier spielen Fonds, die Ausschüttungen automatisch wieder neu anlegen, sowie Indexfonds und -zertifikate mit automatischer Dividendenberücksichtigung langfristig ihre Vorteile aus.

Die Pflicht für Investoren ist es, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was sie wirklich wollen. Ist es jene Aktienmarktrendite, die ihnen stets vorgerechnet wird von Beratern, Aktienlobbyisten und Journalisten, kommen sie um die konsequente Wiederanlage der Dividenden nicht herum. Die Kür ist, sich jetzt mit Dividendenfonds und Dividendenstrategien – die in ausschüttungsstarke Werte investieren – auseinanderzusetzen. Sie fristen nach einer kurzen Blüte vor gut fünf Jahren ein Schattendasein, das exemplarisch ist für den Umstand, dass Angebotspalette und Kampagnen der Fondsgesellschaften nur selten von Vernunft in der Vermögensverwaltung, sondern schlicht von Wünschen aus dem Vertrieb gesteuert werden.

Zwischen 1999 und 2004, also in Zeiten des New-Economy-Hypes und des folgenden Crashs, waren Dividendenstrategien überlegen, aber es gab kaum entsprechende Fonds. Anschließend, zwischen 2004 und 2007, schossen Dividendenfonds mit tollen Rückrechnungen wie Pilze aus dem Boden, doch die Dividendenstrategie schnitt plötzlich schwach ab, weil die Musik an den Börsen bei den Zyklikern, nicht bei ausschüttungsstarken Pharmawerten, Versorgern und Telekommunikationswerten (die T-Aktie lässt grüßen!) spielte. Mit Beginn der Finanzkrise 2007 haben sich viele Dividendenfondsmanager sogar veritabel verzockt und statische Dividendenstrategien kollektiv versagt, weil ihnen hohe Dividendenrenditen Unterbewertungen bei Finanzwerten signalisiert haben. Die schönsten Ausschüttungen nützen eben nichts, wenn das Wachstum nicht stimmt.

Folglich gehören Dividendenfonds derzeit zu den wenigen Vorkrisenthemen, die in den Marketing- und Vertriebskampagnen der Fondsgesellschaften keine Rolle spielen – anders als Schwellenländer oder Rohstoffe. Wiederholt sich, wie so oft, Geschichte an den Kapitalmärkten, ist es jetzt vermutlich schlauer, sich einen soliden Dividendenfonds ins Depot zu legen als ein Schwellenländer- oder Rohstoffprodukt. Zumal das Wachstum der Schwellenländer und Rohstoffe – Sie ahnen es – im Gegensatz zu Dividendenstrategien seit Jahren ein Dauerbrenner in den Redaktionskonferenzen ist.

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From → FTD Kolumnen

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