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Investieren als Hellseher

28. März 2017

Ein herrliches Gedankenexperiment: welche Renditen hätte ein Investor, der die Kurse in fünf Jahren hellsehen kann? Natürlich eine gute – dummerweise allerdings mit sehr heftigen Einbrüchen zwischendrin. Ein kleines Lehrstück über die unauflösbaren Zusammenhänge zwischen Chance und Risiko am Aktienmarkt.

Vor zehn Jahren saß ich einmal in einem Düsseldorfer Café und kam mit einer Dame am Nebentisch ins Gespräch. „Der Mann da hinten“, raunte Sie mir in breitem Rheinisch etwas verstohlen zu und deutete auf einen hinter einer „Frankfurter Allgemeinen“ versteckten Mann, „der Mann da hinten hätt‘ d’r Zeitungen der letzten zwei Wochen da. Mit allen Kursen der Aktien!“

Ich war etwas erstaunt. „Ja, und?“

„Ja, der kann ja da gucken, wo waren die Aktien, sachen’wer mal, vor drei Tagen, dann vorjestern, jestern….“

Ich war weiter etwas überfordert: „Äh, ja…?“

„Ei wenn der, sache’mer mal, sieht, datt die Aktien von dem und dem Unternehmen da un da stande, sache’mer mal, jefalle sind, janz stark, dann kann’mer ja kaufen und so.“

Ich verstand. Offenbar hatte der Herr der Dame zuvor erklärt, anhand einer gewissermaßen „analogen Charttechnik“ (Nachlesen der Kurse der vergangenen Tage) Kursprognosen zu erstellen.

Nun stellen wir uns mal vor, zwischen den albatrosgleich ausgebreiteten Armen des Herrn ein Tisch weiter hinge keine Zeitung vom Vortag, sondern (sofern es dann noch gedruckte Zeitungen gibt), die Zeitung vom März 2022. Samt aller Kurse. Wie würde wohl die Rendite ausfallen, wenn man die Schlusskurse in fünf Jahren kennen würde?

Der US-Blogger und Vermögensverwalter Wesley Gray hat dazu unter der herrlichen Überschrift „Selbst Gott würde als aktiver Fondsmanager gefeuert“ eine interessante Auswertung gestartet, deren Ergebnisse ich hier kurz summarisch vorstellen möchte: beginnend in den 20er Jahren unterteilte er den US-Aktienmarkt in zehn gleich große Dezile, die er nach der jeweiligen Gesamtrendite in den folgenden fünf Jahren bildete.

Das heißt: Start (ich nehme an wegen der Datenverfügbarkeit) im Jahr 1926, anschließend werden zehn Gruppen gebildet: die zehn Prozent der Aktien mit der höchsten Rendite 1926-1931, dann die mit der zweithöchsten, der dritthöchten…  bis man im letzten Dezil jene zehn Prozent der Aktien hat, die 1926 bis 1931 am schlechtesten abgeschnitten haben.

Der Vorgang wird dann nach fünf Jahren, 1931, wiederholt. Und dann 1936. Und dann 1941…. und so weiter.

Nun untersuchte Gray, welche Rendite wohl heraus gekommen wäre, wenn man immer (!) im jeweiligen Fünfjahreszeitraum ausschließlich (!) im obersten Dezil der Aktien investiert gewesen wäre. (Um im Bild zu bleiben: wenn man also alle fünf Jahre eine Zeitung in der Hand hätte, die einem die Kurse in fünf Jahren korrekt vorhersagt und in die zehn Prozent der besten Aktien anlegt).

Wenig erstaunlich: dieses ausschließlich aus Top-Performern ihrer Zeit bestehende Aktienportfolio hätte, kapitalisierungsgewichtet wie der große S&P 500, einen durchschnittlichen Jahresertrag von 28,9 Prozent pro Jahr erwirtschaftet – verglichen mit „nur“ 9,6 Prozent pro Jahr des Gesamtmarkts.

Um so erstaunlicher aber: diese hohen Renditen der Top-Aktien gingen mit virulenten zwischenzeitlichen Einbrüchen einher. In 31 Prozent aller Monate lieferte auch das Portfolio an Siegeraktien Verluste. Im schlechtesten Monat gab es einen Einbruch von 33 Prozent. In einem Zeitraum (Ende der 20er) musste auch das „Superportfolio“ der zehn besten Aktien 76 Prozent Zwischenverlust vom Hoch aufholen. In acht Fünfjahresperioden gab es Zwischenverluste von 20 Prozent und mehr. Im Crash nach der Jahrtausendwende betrug er 34 Prozent, in der Finanzkrise 2008/2009 gar 42 Prozent. Diese Rückschläge unterscheiden sich nur wenig von denen des Gesamtmarkts, die Volatilität ist höher, der maximale Monatsverlust ebenfalls.

Viele erfahrene Anleger kennen das Phänomen von den Überfliegeraktien der letzten Jahre: die Kursverläufe gerade von langfristig sehr starken Aktien sind selten linear, sondern immer wieder geprägt von starken, zwischenzeitlichen Einbrüchen, wenn Zweifel am Wachstum aufkommen. Und selbst wenn man die besten Aktien einer Periode „bündelt“, also für eine gewisse Diversifikation sorgt, schützt einen dies offenbar nicht von heftigen Einbrüchen.

Diese Berechnung hält eine wichtige Lehre für Anleger bereit: Rendite und Risiko sind immer zwei Seiten eine Medaille, auch wenn das zwischenzeitlich in Vergessenheit gerät und einem Finanzdienstleister gelegentlich erklären, man nehme das Risiko „raus“ und präsentiere nur die Rendite mit einem Produkt. Wer von den langfristig hohen Renditen der Aktienmärkte profitieren will, muss akzeptieren, zwischendrin heftig Schlitten zu fahren. Das gilt für aktive wie passive ETFs gleichermaßen.

Vergegenwärtigen wir uns in Sachen Disziplin einfach die Situation aus dem Düsseldorfer Café: nehmen wir an, der Herr wäre tatsächlich ein Kurs-Hellseher gewesen. Er würde seine Dienste als Fondsmanager anbieten und verspricht Ihnen, immer in den rentabelsten Aktien der kommenden fünf Jahre investiert zu sein, wobei er seine Glaskugel dazu alle fünf Jahre befragt.

Natürlich sollten Sie nie Geld einem Hellseher geben, aber einmal rein hypothetisch: würden Sie ihm als Anleger treu bleiben, wenn er zwischendurch auch mal 30 Prozent „hinten“ liegt gegenüber vorherigen Hochs? Oder über 40 Prozent wie Ende der Nuller Jahre? Oder gar 76 Prozent wie Ende der 20er? Und würden vorherige starken Gewinne Ihre Neigung zum „Halten“ verstärken – oder Sie eher verführen, Gewinne mitzunehmen oder mit einer schwarzen Null rauszugehen?

Ich vermute, die meisten privaten Anleger liquidieren in solchen Fällen entweder ihre Anlagen ganz oder wechseln den Fonds, weil sie selbst dem Hellseher plötzlich misstrauen – darauf deutet zumindest die Empirie der Mittelzuflüsse hin. Denn es gibt europaweit eine ganz einfache Faustregel für Mittelflüsse: Anleger kaufen Fonds, die über die vergangenen zwölf Monate gut abgeschnitten haben und verkaufen die, die schlecht abgeschnitten haben. Im nächsten Marktcrash wird es natürlich auch wieder jene Manager geben, die rechtzeitig „Kasse“ gemacht haben – und selbst ein echter Aktienguru hätte einen schweren Stand.

 

 

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