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Wenn wir Journalisten Kausalitäten erfinden

3. Oktober 2017

Jeden Tag fluktieren an den Kapitalmärkten die Kurse von Aktien und Anleihen. Warum? Das weiß natürlich niemand. Für uns Journalisten ist es jedoch verführerisch, Dinge mit Erklärungen zu versehen, die logisch klingen. Zum Beispiel, wenn Waffenaktien nach Amokläufen steigen (wie gestern nach dem Desaster in Las Vegas) oder Zementaktien nach Erdbeben. Man sollte diesen (perversen) Unsinn als den typischen Börsenlärm ignorieren. Er ist in der Regel frei erfunden.

 

 

 

 

Zeitungen werden „von vorne nach hinten gemacht“. Das heißt: das Team der Seite Eins bestimmt in der Regel, welche Themen „vorne“ drauf kommen, greift sie sich, und die Ressorts dahinter müssen dann entweder die Geschichte abgeben oder fortsetzen.

Zu meiner Zeit bei einer großen Tageszeitung führte ich als Mann des Finanzteils „hinten“ häufig folgende Dialoge mit den Kollegen „vorne“:

Seite Eins: „Hallo, hier ist die Seite Eins. Sag‘ mal – der Dax heute 0,7 Prozent im Minus nach der neuesten Krisensitzung in Brüssel. Das ist aber schon ’n Ding, oder?“

Ich: „Ehrlich gesagt – nö. 0,7 Prozent sind doch ganz normale Tagesschwankung.“

Seite Eins: „Tja. Jetzt seh‘ ich grad: 0,9 Prozent Minus. Das sind die Anleger aber doch enttäuscht vom Ausgang. Ich denke, ich plan‘ das mal so ein: Anleger enttäuscht von Krisensitzung – Nervosität steigt. Schreibst Du’s?“

Ich: „OK.“

(zwei Stunden später)

Seite Eins: „Hallo, wir noch mal. Du, der Dax ist jetzt 0,5 Prozent im Plus. Das ist ja ein Ding! Wie kann das sein?“

Ich: „Ich habe keine Ahnung. Das scheinen mir die ganz normalen Tagesschwankungen zu sein. Wollt Ihr nicht umplanen?“

Seite Eins: „Nee, das ist schon krass. Es dachten ja alle, das ist ne Enttäuschung, und jetzt geht’s rauf. Ist doch schon erstaunlich.“

Ich: „Okay. Ich mache dann: Erleichterung nach Verhandlungen treibt Dax auf neues Jahreshoch.“

(Der guten Ordnung halber: solche Dialoge waren natürlich nur dann vonnöten, wenn wir von „hinten“ sonst nichts exklusives oder kluges anzubieten hatten, was auf die Seite Eins drängte. Das heißt: ursächlich dafür war nicht das „News Judgement“ der Leute vorne, sondern unser Angebot von „hinten“)

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Und so war ich (und bin stellenweise immer noch) Teil der Medienmaschine, die aus dem Lärm der hunderten Faktoren, die Kurse bewegen, ein oder zwei plausible herauspicken. Nicht anders agieren die von uns befragten Händler und Analysten.

Nassim Taleb hat das in seinem Buch „Der schwarze Schwan“ schon mal schön karikiert, indem er nachwies (Nacherzählung hier), dass ein und dasselbe Ereignis – dem Einmarsch in den Irak durch US-Truppen – durch die gleiche Nachrichtenagentur zunächst für das Fallen, dann für das Steigen von Anleihen verantwortlich gemacht wurde.

Wir täten  uns selbst und auch unseren Lesern und Zuhörern einen großen Gefallen, wenn wir mit diesen Scheinkausalitäten aufhören würden. Die tagesaktuellen Börsenberichte sind voll davon. Selbst der ausgeruhte und geschätzte Deutschlandfunk lässt es sich nicht nehmen, von Montag bis Freitag minutenlang der Frage nachzugehen, wie denn „Anleger“ auf irgendwelche Quartalszahlen reagiert hätten. („Ja, Klemens, nach DIESEN Zahlen die Aktie zwei Prozent im Minus, was ist denn da los? Haben Anleger mehr erwartet?“ / „Und die Verunsicherung über den weiteren Kurs der Fed treibt natürlich auch den Goldpreis, der ja traditionell immer dann steigt, wenn die Nervosität groß ist, die Feinunze zwei Dollar fünfzig fester bei Eintausendzweihunderteinundsiebzigkommafünfzig“)

Vielleicht fühlt sich der ein oder andere wohler, wenn er eine schlüssig klingende Erklärung für eine Kursbewegung erhält. Allerdings nähren scheinbar merkwürdige „Reaktionen“  dann auch das Bild der Börse als durchgeknallte Zockerbude.

Traurig zu beobachten war das am gestrigen Tag. Ich bin recht intensiver Nutzer sozialer Netzwerke und Agenturen, und so hat es nach den üblen Ereignissen in Las Vegas, wo ein Amokschütze 59 Menschen tötete und über 500 verletzte, nur kurz gedauert, ehe meine „Timelines“ voll waren von Hinweisen wie:

„In was für einer kranken Welt leben wir?“

„Ich ko*** mein Magazin leer“

„Zynisch“

„Perverse Synchronität“

„Der US-Turbokapitalismus in Höchstform“

Was war passiert? Die Aktien von US-Waffenherstellern beziehungsweise ihrer Mutterkonzerne – genauer: American Outdoor Brands (früher: Smith & Wesson) und Sturm Ruger – kletterten um je rund drei Prozent. Die Deutung lieferten „Martkbeobachter“, wie es so schön heißt, gleich nach:

„Hintergrund: Die blutigen Ereignisse lassen die Nachfrage nach Waffen oftmals kurzfristig anspringen. Als wichtiger Faktor dabei gilt laut Experten, dass viele Amerikaner als Reaktion auf Gewaltausbrüche verschärfte Waffengesetze fürchten und sich deshalb spontan mit Pistolen und Gewehren eindecken.“ 

oder:

„Anleger gehen wohl davon aus, dass nun noch mehr Pistolen und Gewehre gekauft werden“

Ich habe den Sachverhalt nur oberflächlich geprüft. Dabei stieß ich darauf, dass die Aktien der Waffenhersteller seit einer Weile gehörig unter Druck stehen. Sie sind eher Trump-Verlierer. Die Aktie von Sturm Ruger ist, die von American Outdoor Brands war Ziel von Leerverkäufern, die bei Sturm Ruger das 18fache eines durchschnittlichen Tagesumsatzes leer verkauft hatten.

Das heißt, eine ebenso plausible Begründung für die Kursentwicklung wäre nicht, dass Anleger mit dem Blut von 59 Menschen Geld verdienen wollen. Sondern dass Leerverkäufer, die die Kurse der Waffenhersteller zuvor (mit) zu Fall gebracht haben, weil deren Geschäfte immer schlechter laufen, ein paar Gewinne mitgenommen haben. Das wäre gleichwohl eher unspektakulär.

Denkbar ist auch, dass die Berichte über die „Scheinkausalität“ (Aktien steigen, weil Anleger damit rechnen, dass….) erst den ein oder anderen auf die dumme Idee gebracht haben, damit Geld zu verdienen. Dumm deshalb, weil es nicht nur moralisch verwerflich ist. Sondern auch dumm, weil Einmaleffekte Analysten wie Fondsmanagern meist egal sind. Genau in diesem Dilemma stecken gerade die Waffenbuden: ihre Zahlen sind katastrophal, weil sie nach den Panikkäufen vor der US-Wahl „eine Klippe herunter“ fallen. Dann sprächen wir aber nicht von einem Kalkül, dass irgendwer von irgendwas profitiert, sondern schlicht um Zockerei.

Vielleicht hat aber auch ein kleiner Kursanstieg dazu geführt, dass eine Menge elektronischer Handelssysteme auf den Zug „aufgesprungen“ sind und sich gar nicht für Hintergründe interessieren – solche „Momentum-Trades“ sind nach vielen Jahren Bullenmarkt sehr populär.

Wir werden es schlicht nicht erfahren, bekommen aber fortlaufend Erklärungen. Die haben natürlich auch ominöse, meist anonyme „Händler“ und „Experten“ zur Hand.

Diese wiederkehrenden Muster konstruierter Kausalitäten (Zementaktien nach Erdbeben oder wegen des Mauerbaus in Mexiko, „Sicherheits“-Aktien nach dem 11. September, Aktien von Pharmakonzernen nach Epidemie, von Antivirenherstellern nach globalem Computervirus) üben  auf eher unerfahrene Spekulanten wie „Marktschreiber“ einen merkwürdigen Reiz aus.

Wir lieben es, aus dem Chaos der Märkte und ihrer Kursveränderungen plausible Geschichten auszulesen und die Dutzenden anderen Faktoren, die Kurse bewegt haben und bewegen werden, einfach unter den Tisch fallen zu lassen – obwohl wir nicht mal wissen, warum genau denn jetzt eine Aktie oder ganze Märkte gestiegen oder gefallen sind.

Das ganze kann eine Weile gut gehen und wird dann rasch zur selbsterfüllenden Prophezeihung: wer fünf Mal gelesen hat, dass nach US-Amokläufen die Schusswaffenverkäufe steigen, macht demnächst vielleicht bei den ersten „Breaking News“ heimlich die Ordermaske auf und will der erste sein, der US-Waffenaktien kauft. Und schon sind wir im Kreislauf.

Wir täten gut daran, diesen Lärm der Märkte und seiner Beobachter schlicht zu ignorieren – ein frommer Wunsch, natürlich. Aber vielleicht ja auch ein guter Vorsatz für Langfristanleger?

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare
  1. Schön das auch mal von Internen zu hören! Die breite Maße läuft ja leider bis heute solchen zusammengebastelten Nachrichten hinterher. Mehr solcher Artikel bitte – solange private Anleger weiter mit sowas Geld verbrennen, muss auch weiter aufgeklärt werden.

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  1. Kleine Presseschau vom 4. Oktober 2017 | Die Börsenblogger

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